Anfang des Jahres schrieb ich einen Artikel über mein Motto für 2026. Dieses sollte sein „Neustart mit Bedacht“. Wie du bald lesen wirst, stimmt das Motto Neustart mehr, als mir lieb war, allerdings eher mit Vollgas als mit Bedacht. Da ich ME/CFS habe, wollte ich dieses Jahr ganz besonders achtsam sein. (ME= ME/CFS = die schwerste Form von Long Covid)
Januar 2026 – Mutterkur an der Ostsee
Der Januar startete wundervoll. Ich war bereits drei Tage an der Ostsee zur Mutterkur und habe den Silvesterabend sehr ruhig verbracht, nämlich so wie ich ihn eigentlich immer verbringe – und das auch gern: Allein für mich, Tagebuch schreibend, rückblickend und sinnierend, wie das nächste Jahr wohl sein würde.
Am 3. Januar habe ich mich auf ein kleines Abenteuer eingelassen. Ich bin mit B. bis zu den Knien in der eiskalten Ostsee gewesen. Mehr haben wir uns nicht getraut und reichte auch für uns. Wir hatten irre viel Spaß und haben viel gelacht. Danach sind wir noch ein bisschen spazieren gegangen, um unsere kalten Füße wieder aufzuwärmen und sind miteinander ins Gespräch gekommen. Dieses gemeinsame Erlebnis war der Start einer Freundschaft. Auch heute, zwei Monate nach der Kur, haben wir immer noch Kontakt, obwohl wir nicht in einer Stadt leben.
Die Kur war ansonsten ziemlich anstrengend für mich. Anfangs war ich noch ganz begeistert: ich dachte, ich könne mich erholen. Das war größtenteils auch so, denn im Gegensatz zu einer Reha war ich hier wirklich zu nichts verpflichtet. Ich konnte alles freiwillig mitmachen. Trotzdem war’s anstrengend, denn jeder Tag war anders. Jeden Tag gab es ein oder zwei Anwendungen (die ich auch sehr gerne wahrnehmen wollte), und natürlich hatte ich jeden Tag viel mehr soziale Kontakte als in meinem Alltag. Das alles hat mich ziemlich überfordert. Bereits nach einer Woche habe ich entschieden, nur zum Mittagessen in den Speisesaal zu gehen. Die anderen beiden Mahlzeiten habe ich im Zimmer eingenommen. Das war schon mal eine wichtige und richtige Entscheidung.
Die Klinik war direkt an der Ostsee gelegen und ich hatte extra einen Elektrorollstuhl dabei, damit ich auch an der Ostsee spazieren gehen beziehungsweise fahren kann und auch wieder nach Hause komme. Das hab ich fast täglich gemacht. Im Wechsel hab ich mich fahren lassen und bin gelaufen. Nun gab es aber zu dieser Zeit einen starken Wintereinbruch einschließlich Schnee, sodass ich jeden Tag gefroren habe. Die Zimmer waren in einem Extrahaus, welches ich mehrmals am Tag verlassen musste, um zum Beispiel zum Speisesaal zu kommen, zur Physiotherapie und so weiter. Das hieße also, täglich an- und ausziehen und trotzdem immer wieder frieren, denn oft hab ich dann doch noch mit jemandem gestanden und gequatscht und mir kalte Füße geholt.
Was ich definitiv gelernt habe, ist, dass kalte Füße und überhaupt Frieren mir extrem schaden. Danach musste ich mich jedes Mal lange auf meiner (mitgebrachten) Heizdecke liegen.
Das Ganze hat dazu geführt, dass ich nach der Kur ziemlich k.o. war und mich erst mal erholen musste. Zum Glück hatte ich das eingeplant, so dass ich genügend Zeit hatte, zu Hause alles aufzuarbeiten, was liegen geblieben ist, und langsam wieder ins Arbeiten zu kommen.
Februar 2026 – Alles anders als gedacht
Nachdem ich mich also Ende Januar von der Kur erholt hatte und wieder in meinen Alltag zurückgefunden hatte, passierte etwas sehr Unvorhergesehenes. Die Belastung durch meine Krankheit ME/CFS und meine daraus resultierenden emotionalen Schwankungen führten dazu, dass mein Mann sich von mir trennte. Das war ein Schock für mich. Für ihn auch, denn es passierte eher aus einer Überforderung heraus. Für mich war es so, dass sich der Boden unter meinen Füßen aufgetan hat und ich innerhalb kürzester Zeit – sofort – in einen riesigen Crash gerutscht bin. Ich war nicht mehr in der Lage aufzustehen, habe stundenlang auf dem Bett oder Sofa gelegen und aus dem Fenster geguckt. Es war mir nicht mehr möglich, die Treppen zu steigen, beziehungsweise war ich danach völlig fertig. Ich wohne aber in einem Haus – schlafe und arbeite unter dem Dach, muss also mehrmals täglich zwei Stockwerke hinauf. Auch meine Praxis liegt im 2. Stock …
Ich habe alle meine Termine abgesagt, denn es war klar, dass ich vorerst nicht arbeiten kann.
Zuallererst sagte ich den Paaren ab. Was hätte ich einem Paar jetzt schon mitgeben können? Ich fühlte, als ob ich auf der Paarebene komplett versagt hätte. Doch auch die Einzelsitzungen konnte ich nicht mehr wahrnehmen. Ich spürte ganz stark, dass ich gerade nichts zu geben habe. Ich musste für mich da sein. Es blieb nichts mehr, was ich anderen Menschen gerade geben könnte.
Mein Mann bereute seine in der Überforderung getroffenen Aussage sehr schnell, aber ich bin nicht wieder zurückgegangen. Mein Bellscore ist innerhalb von 24 h so stark gefallen (auf 20), dass ich wusste, dass ich so eine Situation nicht noch einmal mitmachen möchte. Meine Hoffnung ist natürlich, dass es mir körperlich bald wieder besser gehe, doch einen neuen Absturz möchte ich mir nicht leisten.
März 2026 – Neustart mit Raketenantrieb
Den Februar hatte ich also überlebt. Am 3. März habe ich meinen Regenerationsraum geplant. Bereits seit Wochen meldeten sich Teilnehmer*innen an! Sollte ich denn jetzt absagen? Die Trennung war gerade zwei Wochen her und ich war längst noch nicht in der Lage, zu arbeiten. Trotzdem wollte ich gerne den Regenerationsraum geben. Ich wollte den vielen Teilnehmerinnen nicht absagen (zu dem Zeitpunkt bereits 20!). Außerdem hätte es sehr viel Arbeit gemacht, jedem Einzelnen die 9,- € zurückzuerstatten und beziehungsweise ein Ersatzangebot zu machen.
Ich war am 3. März also da und präsent. Und siehe da: Es ging! Es war möglich und es war gut. Ja, es gab ein paar technische Probleme und ich war ziemlich nervös. Der Regenerationsraum aber war sehr erfolgreich. Danach gab es sogar noch eine Aufzeichnung und einigen hat es so gut gefallen, dass wir sogar den Kurs noch gekauft haben. Das hat mich riesig gefreut!
Im Laufe des Monats hielt ich an meinen Übungen fest. Zweimal am Tag reservierte ich mir feste Zeiten, machte meine Atem- und auch meine Vagusübungen. Bis Ende März stiegen meine HRV-Werte und gleichzeitig meine Energie. Ich konnte wieder länger am Stück sitzen und am Rechner arbeiten. Ich habe sogar eine Online-Sitzung gegeben (eine verkürzte Sitzung von 30 Minuten).
Das Einzige, was mir noch nicht möglich war, ist, in meine Praxis zu gehen und dort eine Sitzung zu geben.
Wie geht es weiter?
In diesem Monat quält mich die Frage, ob ich die Praxis überhaupt halten kann und soll. Was ist, wenn mir so ein Crash wieder passiert? Ich hatte in diesem Jahr erst vier Sitzungen in der Praxis geben können (zwischen Kur und Trennung). Das rentierte sich natürlich gar nicht. Besonders schwierig ist die Tatsache, dass die Praxis sich im zweiten Stock befindet. Ich muss jedes Mal 50 Stufen gehen. Das ist eine zu bestimmten Umständen große Herausforderung für mich.
Glücklicherweise habe ich zwei Untermieterinnen, die einen großen Teil der Miete mittragen. Nun hat mir die eine Untermieterin die Entscheidung abgenommen: Sie kündigte nämlich zum Juli. Da war für mich klar, dass ich die Praxis aufgeben werde. Ich hatte einfach keine Energie, mir eine neue Untermieterin zu suchen. Ich würde meine jetzige Energie darauf ausrichten, eine Nachmieterin oder einen Nachmieter zu finden.
Tataaa: Die Nachmieterin kam schneller um die Ecke, als ich denken konnte. Ein gemeinsamer Bekannter empfahl sie mir, und es hat zwischen uns sofort gefunkt. Warum auch nicht: Sie ist genau wie ich SE-Therapeutin, wohnt in der Nähe, und ihr hat die Praxis richtig gut gefallen.
Mein Vermieter war sehr kulant und hat mir einen Auflösungsvertrag angeboten. Vera, meine Nachmieterin, übernimmt bereits ab 1. Juni die Praxis und ich brauch die sechsmonatige Kündigungsfrist nicht einzuhalten. Ich hoffe, dass ich bis dahin noch ein paar Sitzungen zum Verabschieden in meiner Praxis geben kann. Wenn nicht … so soll es dann sein.
Nun schließe ich diesen Rückblick und staune wirklich, was mir in den letzten drei Monaten alles passiert ist. Eigentlich reicht das für ein ganzes Jahr. Wer hätte gedacht, dass der Neustart so plötzlich kommt und dass sich so vieles in meinem Leben ändert? Alles in allem kann ich sagen, dass ich insgesamt auch sehr zufrieden bin, wie es dann gelaufen ist. Einen Neustart lege ich also definitiv hin. Mit Bedacht… Naja, das stimmt nicht ganz. Es ist eher ein Raketenneustart.
Aber was soll’s: Ich nehme das Leben, wie es ist. Da fällt mir ein Spruch ein, der bei mir in der Praxis hängt und den ich mitnehmen werde:
„Was ich so mache? Ich lasse das Leben auf mich regnen!“
In diesem Sinne wünsche ich dir einen guten Start in das zweite Quartal des Jahres.
Fazit
Ich hab den größten Crash meines ME-Lebens überstanden. Der wurde durch die Trennung von meinem Mann ausgelöst. Ich hatte diesen Monat privat also ziemlich viel Verlust: Beziehung und auch noch Gesundheit. Ich lag tw. 20h/Tag. Inzwischen geht es wieder besser und ich liege nur noch 16h/Tag.
Finanziell hat mich der Regenerationsraum gerettet und die Kurse, die ich danach verkaufte bzw. die sich einfach so verkauften, während ich im Bett lag.
Ja, diese Krankheit ist auch für das Umfeld eine enorme Belastung und die Krankheit verändert und das belastet zusätzlich. Ich bin ihm nicht böse. Anfangs war ich traurig, dann wütend, inzwischen erleichtert. Wir haben einen guten Umgang miteinander und er unterstützt mich auch weiterhin. Das ist doch viel.
Trotz-allem-Erfolge im 1. Quartal
Ich freue mich, dass ich immer mal einen Kurs verkaufe! Zu meinem Regenerationsraum am 03.03. waren 40 TN für je 9,-€ ! Soviel hatte ich noch nie!
Und ich hab den größten Crash meines ME-Lebens überstanden. Der wurde durch die Trennung von meinem Mann ausgelöst. Ich hatte diesen Monat privat also ziemlich viel Verlust: Beziehung und auch noch Gesundheit. Ich lag tw. 20h/Tag. Inzwischen geht es wieder besser und ich liege nur noch 16h/Tag.
Finanziell hat mich der Regenerationsraum gerettet und die Kurse, die ich danach verkaufte bzw. die sich einfach so verkauften, während ich im Bett lag.