Long Covid, Trauma und Nervensystem besser verstehen

Long Covid, Trauma und dein Nervensystem: die Grundlagen

Du hast Long Covid, Post Vac oder ME/CFS und möchtest dein Nervensystem besser verstehen. Vielleicht bist du dir auch nicht ganz sicher, ob da noch ein altes Trauma mitspielt. Oder ob die Erkrankung selbst dich traumatisiert hat.

Dann bist du hier richtig.

Ich schreibe in diesem Artikel abwechselnd von Long Covid, ME/CFS und Post Vac. Für mich sind das drei Formen einer Krankheitsfamilie, nämlich die Familie ME, und ich meine immer alle drei, auch wenn ich manchmal nur eine nenne.

Eins vorweg, weil es die wichtigste Unterscheidung überhaupt ist: Die Ursache dieser Erkrankungen ist organisch. Punkt. Ich bin keine Medizinerin und werde das hier auch nicht erklären, weil ich es nicht gut könnte. Trauma spielt mit hinein, aber Trauma ist nicht die Ursache. Was ich dir zeigen kann, ist die Ecke, aus der ich komme: Somatic Experiencing und Nervensystemregulierung.

Typische Fragen zu Trauma und Nervensystem

Ist Long Covid oder ME/CFS ein Trauma?

Nein. Die Ursache dieser Erkrankungen ist organisch. Trauma kann die Erkrankung begünstigen, aber es ist nicht die Ursache. Die Erkrankung selbst kann allerdings traumatische Spuren hinterlassen, besonders durch Hilflosigkeit, Kontrollverlust und soziale Isolation.

Was ist der Unterschied zwischen Stress und Trauma?

Der Unterschied liegt in der Regulierung. Bei Stress aktiviert sich dein Nervensystem, bewältigt die Situation und erholt sich wieder. Bei einer Traumafolgestörung bleibt es dysreguliert, es gibt keine vollständige Erholung.

Warum kann ich mich nicht entspannen, obwohl ich völlig erschöpft bin?

Weil dein Nervensystem in chronischer Alarmbereitschaft steckt. Wenn der eigene Körper die Quelle der Bedrohung ist, hört die Gefahr nicht auf und das System kann nicht abschalten. Deshalb dieses Gefühl, aufspringen zu wollen und gleichzeitig nicht zu können.

Kann sich mein Nervensystem wieder regulieren?

Ja. Dein Nervensystem ist nicht kaputt, es hat auf etwas Überwältigendes reagiert. Es kann lernen, sich wieder zu regulieren, wenn du ihm immer wieder ein Gefühl von Sicherheit gibst und die richtigen Voraussetzungen schaffst.

Warum dein Nervensystem gerade nicht abschalten kann

Dein Nervensystem ist ein Überlebenssystem. Es arbeitet rund um die Uhr, ohne dass du darüber nachdenken musst.

Sobald es eine Bedrohung wahrnimmt, körperlich oder emotional, schaltet es in den Aktivierungsmodus. Der Herzschlag steigt, die Muskeln spannen sich an, die Aufmerksamkeit schärft sich. Das nennen wir Kampf- oder Fluchtreaktion.

Eigentlich kommt davor noch etwas anderes: die Orientierungsreaktion. Du kennst das vielleicht vom Häschen auf der Wiese. Es hört ein Knacken und bleibt erstmal still. Es lauscht, es wendet sich in Richtung des Geräusches. Was ist das? Ein anderer Pflanzenfresser, ein Reh? Dann kann ich weiter hier sitzen und vor mich hin mümmeln. Oder ist es ein Fuchs? Dann renne ich lieber weg.

Normalerweise findet das System zurück in den Ruhemodus, sobald die Gefahr vorbei ist. Das ist der Normalfall.

Und jetzt kommt der Punkt, der bei uns alles verändert: Wenn die Bedrohung nicht aufhört, weil der eigene Körper die Quelle der Bedrohung ist, dann kann das Nervensystem nicht mehr abschalten. Es bleibt in chronischer Alarmbereitschaft. Oder es kippt ins andere Extrem und schaltet komplett ab, in Erstarrung und Taubheit.

Beides sind Überlebensmechanismen. Beides sind Reaktionen auf etwas, das uns überwältigt.

Allein der Gedanke an diese Krankheit und daran, dass es momentan keine heilenden Therapien gibt, ist bedrohlich genug, um in dieser Überlebensschleife zu bleiben. Und die Symptome, die du jeden Tag hast, reichen ohnehin aus, damit du im Aktivierungsmodus bleibst.

Der Unterschied zwischen Stress und Trauma

Hier ist ein ganz wichtiger Punkt: Nicht jeder Stress ist ein Trauma oder führt zu einem Trauma.

Aber chronische Erkrankungen können traumatische Spuren hinterlassen. Besonders dann, wenn sie mit Hilflosigkeit, Kontrollverlust und sozialer Isolation verbunden sind.

Bei normalem Stress aktiviert sich dein Nervensystem, bewältigt die Situation und erholt sich wieder. Du regulierst dich.

Denk noch einmal an das Häschen. Angenommen, da kommt wirklich ein Fuchs. Das Häschen rennt weg, der Fuchs holt es nicht ein, das Häschen sitzt in seinem Bau. Und dann fängt es an zu zittern.

Das nennen wir Entladung. Die ganze Energie, die sich aufgestaut hat, damit das Häschen überhaupt flüchten konnte, muss ja irgendwo hin. Ein Teil ist beim Rennen verbraucht worden, aber etwas ist noch da. Also zittert es.

Kleine Kinder machen das übrigens auch. Nach einem heftigen Weinanfall oder großer Angst, wenn sie spüren: Ich bin jetzt wieder sicher, die Mama ist da, ich bin nicht mehr allein. Dann fangen sie an zu zittern. Das ist ein Zeichen dafür, dass der Körper sich reguliert hat.

Bei einer Traumafolgestörung bleibt das Nervensystem dysreguliert. Es gibt keine vollständige Erholung.

Woran du das bei dir merken kannst

  • Du bist ständig überreizt und gereizt, redest lauter als nötig.
  • Du hast Schlafprobleme, weil dein Nervensystem nicht runterfahren kann und denkt: Ich muss aufpassen.
  • Du bist viel schreckhafter als früher.
  • Du spürst eine emotionale Taubheit oder ein Gefühl von Unwirklichkeit.
  • Du bist innerlich angespannt, auch ohne Auslöser.
  • Du machst eine Entspannungsübung und merkst, dass du überhaupt nicht runterkommst. In dir dreht sich alles, eigentlich willst du aufspringen. Wenn da nicht diese Erschöpfung wäre, die dich daran hindert. Es scheint nicht zusammenzupassen.
  • Du hast Flashbacks oder erlebst belastende Momente wieder.

Diese Symptome sind kein Zeichen von Schwäche. Das ist dein Nervensystem, und es hat gelernt: Die Gefahr ist noch nicht vorbei.

Du reagierst normal auf Erlebnisse, die unnormal sind. Auf Dinge, die so nicht hätten sein sollen. Deine Reaktion darauf ist normal, auch wenn sie sich für dich überhaupt nicht normal anfühlt.

Wie ich das erlebt habe

Meine alte Hausärztin hat meine Erkrankung jahrelang nicht wirklich ernst genommen. Ich will nicht sagen, dass sie mich nicht ernst genommen hat. Sie wusste einfach nicht, was sie damit machen soll. Inzwischen ist sie in Rente.

Für mich hieß das: keine Behandlung. Und das ist eine Belastung für das Nervensystem und eine dauernde Gefahr, weil du nicht weißt, wann du hier wieder rauskommst.

Dieses Nicht-ernst-genommen-Werden kenne ich also gut. Genauso wie das andere, was dazukommt: der Verlust von Arbeit, der Verlust sozialer Kontakte, der Verlust von Lebensqualität. Das ist eine Bedrohung an sich.

Auf wie vielen Ebenen dein Nervensystem gleichzeitig belastet ist

Körperlich. Immunsystem und Herz-Kreislauf sind belastet. Viele von uns haben POTS. Sehr viele haben Mastzell-Aktivierungssymptome. Und das vegetative Nervensystem ist durch die Dysregulation generell gestört.

Ein Zeichen dafür ist die Überreizung, von der so viele berichten: lichtempfindlich, geräuschempfindlich, berührungsempfindlich. Das zeigt genau diese Dysregulation. Dein Nervensystem kann nicht mehr erkennen, dass ein Reiz keine Gefahr ist. Was früher normal oder sogar angenehm war, wird jetzt als Gefahr für den Körper eingestuft.

Psychisch. Zu merken, dass du deinen Körper nicht mehr kennst und ihn nicht mehr kontrollieren kannst, ist extrem verunsichernd. Alles, was früher normal war, geht jetzt nicht mehr. Das ist eine riesige Hürde und kann selbst Traumasymptome auslösen.

Sozial. Wir können uns nicht mehr mit Freundinnen treffen wie früher. Vielleicht haben die auch keine Lust mehr, sich permanent zu melden, weil es so einseitig ist und wir ständig absagen müssen. Ich kenne das aus eigener Erfahrung, und es ist sehr, sehr belastend.

Trauma ist kein Ereignis, sondern ein Zustand

Peter Levine, der Begründer von Somatic Experiencing, beschreibt Trauma nicht als Ereignis, sondern als Zustand des Nervensystems.

Es ist also nicht das, was passiert ist. Es ist das, was dein Körper als noch nicht zu Ende wahrnimmt.

Das Häschen sitzt in seinem Bau und erlebt: Ich bin durch. Ich habe es geschafft. Die Gefahrensituation ist als beendet erlebt.

Und jetzt schau auf dich. Die Gefahrensituation ist bei uns nicht zu Ende. Wir wissen immer noch nicht, wie es mit unserem Körper weitergeht und wie wir ihm helfen können. Wir haben oft keine Unterstützung. Wir kämpfen mit den Ämtern um einen Pflegegrad oder um den Grad der Behinderung. Wir sind sozial isoliert.

Die Gefahr ist real und sie ist noch da. Deshalb kann dein Nervensystem nicht runterfahren. Es hat nicht verstanden, dass die Gefahr vorbei ist, weil sie tatsächlich noch nicht vorbei ist.

Das ist einer der Gründe, warum Runterfahren bei uns nicht einfach auf Kommando funktioniert. Und warum es nichts mit Willen zu tun hat und auch nichts mit Glauben.

Das Gute daran

Dein Nervensystem kann lernen, sich wieder zu regulieren.

Du bist in der Lage, ihm immer wieder ein Gefühl von Sicherheit zu geben, indem du die richtigen Voraussetzungen schaffst. Das ist die Arbeit, die ich mache, und der Grund, warum ich diesen Blog schreibe.

Drei Dinge, die ich dir mitgeben möchte

  1. Dein Nervensystem ist nicht kaputt. Es hat auf etwas Überwältigendes reagiert und gelernt, damit zu leben und zu überleben.
  2. Der Unterschied zwischen Stress und Traumafolgen liegt in der Regulierung. Kann dein Nervensystem wieder zur Ruhe kommen? Oder bleibt es stecken?
  3. Bei Long Covid, ME/CFS und Post Vac ist das Nervensystem oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig belastet. Das ist wichtig zu wissen und anzuerkennen. Versuch nicht, es wegzumachen. Versuch nicht, dich darüber zu ärgern. Versuch es als Tatsache zu akzeptieren.

Du wirst sehen: Wenn du es schaffst zu akzeptieren, dass es so ist, wird es ein wenig leichter. Weil du dann aufhörst zu kämpfen.

Zum Schluss

Diesen Artikel gibt es auch zum Hören. Er ist die Textfassung einer Folge meines Podcasts „Vagusbalance Long Covid“. In der nächsten Folge schaue ich mir an, was Stabilisierung konkret bedeutet: Was hilft, wenn das Nervensystem überwältigt ist, zum Beispiel bei Flashbacks oder starker Erschöpfung?


Wenn du dein Nervensystem regulieren lernen möchtest

Ich habe eine kostenlose Übungssammlung zur Nervensystemregulierung zusammengestellt. Übungen, die wenig Energie kosten und die du auch im Liegen machen kannst.

Du bekommst sie, wenn du dich in meinen Newsletter einträgst. Dort schreibe ich dir regelmäßig über Nervensystemregulierung und Stabilisierung bei Long Covid, ME/CFS und Post Vac. In verträglichen Portionen, versprochen.

Bis zum nächsten Mal und denk dran: Du bist nicht allein!

Deine

Anke

Das bekommst du von mir:

Online‑Kurs: Leben statt Überleben bei Long Covid, ME/CFS und Post Vac
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