Warum dein Nervensystem bei ME/CFS, Long Covid und Post-Vac so reagiert, wie es reagiert – und warum das kein Zeichen von Schwäche ist
Du hast Long Covid, Post-Vac oder ME/CFS und fragst dich, ob da vielleicht noch ein altes Trauma mitspielt – oder ob die Erkrankung selbst dich traumatisiert hat?
Nach einer längeren Pause starte ich Vagusbalance Long Covid neu und steige direkt mit den Grundlagen ein: wie unser Nervensystem funktioniert und warum es bei ME (meine Sammelbezeichnung für Long Covid, ME/CFS und Post-Vac) so aus der Balance gerät.
Ich erkläre den Unterschied zwischen normaler Stressreaktion und Traumafolgestörung – und warum bei ME oft beides zusammenkommt, körperlich, psychisch und sozial. Peter Levine beschreibt Trauma nicht als Ereignis, sondern als Zustand des Nervensystems, der noch nicht abgeschlossen ist. Genau das trifft bei ME besonders zu, denn die Gefahrensituation ist oft noch gar nicht vorbei. Dein Nervensystem ist also nicht kaputt, es hat gelernt zu überleben – und in der nächsten Folge zeige ich dir, was konkret hilft, wenn es überwältigt ist.
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1.
Strukturiertes Transkript
- 1.1. Ankommen
- 1.2. Warum das Nervensystem bei ME so reagiert
- 1.3. Kampf, Flucht oder Erstarrung – wie das Nervensystem reagiert
- 1.4. Stress oder Trauma – wo liegt der Unterschied?
- 1.5. Was das für Long Covid und ME/CFS bedeutet
- 1.6. Trauma ist kein Ereignis, sondern ein Zustand
- 1.7. Die gute Nachricht: Dein Nervensystem kann wieder lernen
- 1.8. Zusammenfassung
- 2. Gefällt dir, was du hörst?
Strukturiertes Transkript
Ankommen
Du hast Long Covid, Post-Vac oder sogar ME/CFS und möchtest dein Nervensystem besser verstehen, weil du auch nicht ganz sicher bist, ob du auch ein Trauma hast, was vielleicht noch alt ist oder ob die Erkrankung dich vielleicht auch traumatisiert hat. Dann bist du hier richtig.
In dieser Podcast-Folge geht es darum, das Nervensystem gerade mit dieser Krankheit besser zu verstehen. Und ich möchte, dass du erstmal ankommst mit mir, so wie ich das ja hier auch in den alten Folgen gemacht habe. Ich hatte jetzt eine längere Pause, das hat ganz persönliche Gründe, und jetzt starte ich wieder mit dir mit Vagusbalance Long Covid, herzlich willkommen.
Komm doch an, mach es dir bequem, vielleicht sitzt oder liegst du gerade – dann spür doch mal, wie es gerade ist, da zu sein. Nimm deine Füße wahr, wenn du sitzt, deine Sitzhöcker, wenn du liegst, auch deinen Rücken, und guck mal, wie das ist, so angelehnt oder geerdet zu sein. Ist das gerade angenehm für dich oder weniger angenehm, und nimm das einfach an, so wie es ist. Gib dir einen Moment Zeit, in den Körper zu horchen, und vielleicht kommt ein tiefer Atemzug, so wie bei mir – dann ist das wunderbar, wir nennen das einen reflektorischen Atemzug, das ist ein Zeichen der Regulierung.
Ja, noch einmal herzlich willkommen, wie schön, dass du da bist. Heute soll es um die Grundlagen gehen für Long Covid und Trauma, damit du dein Nervensystem besser verstehen kannst. Denn das Nervensystem ist ja sehr durcheinander, eine schwere Erkrankung ist da, und andersrum gesagt: Diese Dysbalance im Nervensystem ist ein Symptom von Long Covid, ME/CFS, Post-Vac – übrigens werde ich das jetzt immer übergreifend ME nennen, ich meine damit diese drei Formen der Krankheit, das ist für mich eine Krankheitsfamilie und ich betitel das dann mit ME.
Warum das Nervensystem bei ME so reagiert
Was passiert, wenn wir diese Erkrankung haben? Aus rein organischer Sicht ist das Nervensystem nicht mehr in der Lage, sich zu regulieren, und das hat auch nichts mit Willen zu tun oder mit Glauben – oder auch nicht unbedingt mit Trauma. Trauma spielt sicherlich mit rein, ist aber nicht die Ursache, es ist eine rein organische Ursache. Und da ich keine Medizinerin bin, möchte ich jetzt auch nicht anfangen, das zu erklären, weil ich es wahrscheinlich auch nicht gut kann und ehrlich gesagt mag ich mich jetzt da auch nicht in die Medizin reinarbeiten. Ich weiß einfach, dass es eine organische Ursache hat, Punkt. Und ich weiß auch, dass wir etwas tun können damit – dann eben aus meiner Ecke, aus der Ecke von Somatic Experiencing.
So, also wir fangen jetzt erstmal damit an: Wie funktioniert eigentlich das Nervensystem, und warum reagiert es bei chronischer Erkrankung so, wie es reagiert?
Kampf, Flucht oder Erstarrung – wie das Nervensystem reagiert
Unser Nervensystem ist ein Überlebenssystem und es arbeitet rund um die Uhr, ohne dass wir darüber nachdenken müssen. Sobald wir eine Bedrohung wahrnehmen, ob körperlich oder emotional, schaltet das Nervensystem in den Aktivierungsmodus: Der Herzschlag steigt, die Muskeln spannen sich an, die Aufmerksamkeit schärft sich – wir nennen das Kampf- oder Fluchtreaktion.
Eigentlich ist vor der Kampf- oder Fluchtreaktion noch eine Orientierungsreaktion. Du kennst das vielleicht vom Häschen auf der Wiese: Es hört ein Knacken, und als Erstes bleibt es still und lauscht, es reagiert in Richtung des Geräuschs, um herauszufinden, was das ist – ist das ein anderer Pflanzenfresser, ein Reh, dann kann es ja weiter hier sitzen bleiben und vor sich hin mümmeln, oder ist es ein Fleischfresser, ein Fuchs, dann rennt es lieber weg.
Und in unserem Alltag, vor allem mit ME, sind wir ständig in diesem Alarmmodus, weil wir ganz akut bedroht werden – allein der Gedanke an diese Krankheit und daran, dass es momentan keine heilenden Therapien gibt, ist natürlich schon bedrohend genug, dass wir in so einer Überlebensschleife sind. Oder die Symptome, die du jeden Tag hast, reichen schon aus, dass du im Aktivierungsmodus bleibst.
Normalerweise ist es so, dass das System wieder in den Ruhemodus findet, wenn die Gefahr vorbei ist – das ist eigentlich der Normalfall. Wenn jetzt aber die Bedrohung nicht aufhört, weil nämlich der Körper die Quelle der Bedrohung ist, dann kann das Nervensystem nicht mehr abschalten. Es bleibt in dem Zustand dieser chronischen Alarmbereitschaft, oder – das andere Extrem – es schaltet komplett ab in die Erstarrung oder Taubheit. Beides sind Überlebensmechanismen, beides sind Reaktionen auf etwas, was uns überwältigt.
Stress oder Trauma – wo liegt der Unterschied?
Nicht jeder Stress ist auch ein Trauma oder führt zu einem Trauma. Aber chronische Erkrankungen, besonders wenn sie mit Hilflosigkeit, Kontrollverlust und sozialer Isolation verbunden sind, können traumatische Spuren hinterlassen.
Was unterscheidet jetzt eine normale Stressreaktion von einer Traumafolgestörung? Bei normalem Stress ist es so, dass das Nervensystem sich aktiviert, die Situation bewältigt und sich dann wieder erholt. Du regulierst dich. Wenn ich wieder an das Häschen auf der Wiese denke: Angenommen, da kommt jetzt wirklich ein Fuchs, das Häschen rennt weg, der Fuchs hat es nicht eingeholt, das Häschen ist in seinem Bau und dann fängt es an zu zittern – das hast du vielleicht auch schon mal bei anderen Säugetieren beobachtet. Sie zittern, und das nennen wir Entladung, denn die ganze Energie, die sich beim Häschen aufgestaut hat, damit es fliehen konnte, muss ja auch irgendwo hin. Das Häschen hat ein bisschen von dieser Energie und von diesen Hormonen abgebaut, in denen es geflohen ist, aber etwas ist noch da, und jetzt zittert es.
Kleine Kinder zittern auch häufig, wenn sie heftige Weinanfälle oder heftige Angst hatten, weinen und dann spüren: Ich bin jetzt wieder sicher, die Mama ist da, ich bin nicht mehr alleine – dann fangen sie auch an zu zittern. Das ist ein Zeichen, dass der Körper sich reguliert hat.
Bei Trauma oder bei PTBS bleibt das Nervensystem dysreguliert, es gibt keine vollständige Erholung. Typische Zeichen sind: dass man ständig überreizt und gereizt ist, lauter redet als notwendig, Schlafprobleme hat, weil das Nervensystem nicht runterfahren kann und denkt, ich muss jetzt aufpassen, und man ist auch viel schreckhafter als normalerweise. Es kann auch sein, dass eine emotionale Taubheit besteht oder das Gefühl von Unwirklichkeit, oder du bist ständig innerlich angespannt, auch ohne Auslöser, oder du machst eine Entspannungsübung und merkst: Ich kann überhaupt nicht runterfahren, in mir dreht sich alles, eigentlich will ich aufspringen – wenn ich nicht auch noch diese Erschöpfung hätte, die mich daran hindert. Es scheint dann nicht zusammenzupassen. Oder du hast vielleicht auch Flashbacks, das Wiedererleben belastender Momente.
Diese Symptome sind überhaupt kein Zeichen von Schwäche, sondern das ist einfach dein Nervensystem, und es hat gelernt: Die Gefahr ist noch nicht vorbei. Das heißt, du reagierst ganz normal auf Erlebnisse, die unnormal sind, die so nicht hätten sein sollen – aber deine Reaktion darauf ist normal, auch wenn sie sich für dich nicht normal anfühlt.
Was das für Long Covid und ME/CFS bedeutet
Bei ME erleben ganz viele Betroffene genau dieses Muster, manchmal direkt als Folge der Erkrankung, manchmal auch verstärkt durch die Belastung – diese Ungewissheit, wie es jetzt eigentlich weitergeht, was ich machen kann. Von vielen Betroffenen weiß ich auch, dass sie überhaupt keine Ärztinnen oder Ärzte haben, mit denen sie reden können, die ihnen weiterhelfen. Auch meine alte Hausärztin, die glücklicherweise letztes Jahr in Rente gegangen ist, hat das einfach jahrelang nicht wirklich ernst genommen. Ich will nicht sagen, dass sie mich nicht ernst genommen hat, aber sie hat einfach nicht gewusst, was sie damit machen soll, und insofern hatte ich einfach auch keine Behandlung. Das ist natürlich auch eine Belastung für das Nervensystem und eine dauernde Gefahr, weil du nicht weißt, wann du hier wieder rauskommst.
Dieses Nicht-ernst-genommen-Werden, oder auch der Verlust von Arbeit, von sozialen Kontakten oder Lebensqualität, ist einfach eine Bedrohung an sich. Und das Nervensystem kann bei ME auf verschiedenen Ebenen belastet sein: Einmal körperlich natürlich – unser Immunsystem, Herz-Kreislauf ist belastet, viele haben POTS, dann gibt es sehr viele Betroffene, die auch Mastzell-Aktivierungssymptome haben oder wo das vegetative Nervensystem generell durch eine Dysregulation gestört ist. Viele berichten von Überreizung, sie sind lichtempfindlich, geräuschempfindlich, berührungsempfindlich – das zeigt ja auch, dass das Nervensystem dysreguliert ist, weil es nicht mehr erkennen kann, dieser Reiz ist keine Gefahr. Der Reiz, der früher als normal oder sogar angenehm empfunden wurde, wird jetzt als Gefahr für den Körper eingestuft.
Die nächste Ebene ist natürlich psychisch: zu merken, ich kenne meinen Körper überhaupt nicht mehr, ich kann ihn nicht mehr kontrollieren – das ist extrem verunsichernd, und alles, was früher normal war, geht jetzt nicht mehr, auch das eine riesige Hürde. Und diese Verunsicherung kann auch Traumasymptome auslösen, kann psychisch einfach auch sehr belastend sein.
Dazu kommt natürlich auch die soziale Isolation: Wir können uns nicht mehr mit Freundinnen treffen wie früher, vielleicht haben die auch keine Lust mehr, sich permanent zu melden oder vorbeizukommen, weil es eben auch sehr einseitig ist, weil wir ständig absagen müssen. Ich kenne das auch aus eigener Erfahrung, das ist einfach auch sehr, sehr belastend.
Trauma ist kein Ereignis, sondern ein Zustand
Ich möchte noch mal zurück zum Thema Trauma. Das wird von Peter Levine nicht als Ereignis beschrieben, sondern als Zustand des Nervensystems. Es ist nicht das, was passiert ist, sondern was mein Körper als noch nicht zu Ende wahrnimmt. Nämlich, wie ich es vorhin erklärt habe mit dem Häschen: Das Häschen ist in seinem Bau und erlebt fertig – ich bin durch, ich habe es geschafft. Diese Gefahrensituation ist als zu Ende erlebt.
Wir haben jetzt aber ME, und die Gefahrensituation ist noch nicht zu Ende. Wir wissen immer noch nicht, wie es mit unserem Körper weitergeht, wie wir ihm helfen können, wir haben immer noch keine Unterstützung, wir kämpfen vielleicht auch mit den Ämtern, mit Pflegegrad um Pflegegrad oder Grad der Behinderung, wir sind sozial isoliert – die Gefahrensituationen sind einfach noch da. Und deswegen kann das Nervensystem nicht runterfahren. Das ist dann eben auch einer der Gründe, warum es nicht geht: weil es nicht verstanden hat, dass die Gefahr vorbei ist – weil sie ja auch real einfach noch existiert.
Die gute Nachricht: Dein Nervensystem kann wieder lernen
Das Positive daran ist, dass das Nervensystem lernen kann, sich wieder zu regulieren. Du bist in der Lage, deinem Nervensystem immer wieder ein Gefühl von Sicherheit zu geben, indem du einfach die richtigen Voraussetzungen schaffst.
Zusammenfassung
Was kannst du aus dieser Folge mitnehmen? Ich fasse noch einmal zusammen:
- Erstens: Dein Nervensystem ist nicht kaputt, es hat auf etwas Überwältigendes reagiert und gelernt, damit zu leben und zu überleben.
- Zweitens: Der Unterschied zwischen Stress und Trauma-Folgen liegt in der Regulierung – kann dein Nervensystem wieder zur Ruhe kommen, oder bleibt es stecken?
- Drittens: Bei ME ist das Nervensystem oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig belastet, und das ist wichtig zu wissen und auch anzuerkennen.
Versuch das nicht wegzumachen, versuch dich nicht drüber zu ärgern, sondern versuch es einfach zu akzeptieren als Tatsache. Und du wirst sehen: Wenn du es schaffst, es zu akzeptieren, dass es so ist, dann wird es ein wenig leichter, weil du dann aufhörst zu kämpfen.
In der nächsten Folge schauen wir uns an, was Stabilisierung bedeutet – also, was konkret hilft, wenn das Nervensystem wieder überwältigt ist, zum Beispiel bei Flashbacks oder starker Erschöpfung.
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